Was am hinderlichsten ist in dieser Zeit einer aufgewühlten Gesellschaft, ist diese unsichtbare Barriere: was erlaubt ist zu sagen, und was nicht erlaubt ist zu sagen. Politische Korrektheit.

Was genau ist damit gemeint? Es handelt sich dabei um Sprache, Aktionen und Richtlinien, die dazu bestimmt sind, eine bestimmte Gruppe an Menschen in der Gesellschaft weder zu beleidigen, noch anzugreifen.

Das Schwert der Politischen Korrektheit

Politische Korrektheit ist aber inzwischen mehr als das. Sie lauert wie ein Schwert über uns, und droht beim kleinsten falschen Wort, dass über unsere Lippen rutschen könnte, uns zu diffamieren. In unserer Gesellschaft – und dies beschränkt sich nicht nur auf Deutschland – kann sich das öffentliche Reden manchmal anfühlen, als ob man auf Nägeln ginge.

Der drohende Shitstorm, brachiale Mediengewalt, öffentliche Entrüstung, Hasskommentare, lauernde Karriereenden, eine sich bewaffnende Bevölkerung: was kommt als nächstes, so frage ich mich manchmal. Das Tempo, mit dem sich diese Entwicklung ihren Weg gebahnt hat, ist schon besorgniserregend.

Kann man dagegen etwas tun? Vielleicht klarere Kommunikation? Eine verbesserte Form der Kommunikation durch Sprache, Aktionen und Richtlinien, die die Öffentlichkeit spüren lässt, dass auch ein Politiker nur ein Mensch ist und sich viele Fragen stellt, wie seine Arbeit getan werden kann?

Der Ende letzten Jahres verstorbene Helmut Schmidt hatte eine Sprache kultiviert, die prägnant und geistreich war. Und er unterschied sich von den allermeisten Politikern darin, dass man ihn durch seine Art zu sprechen als Menschen wahrnehmen konnte. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals bei politischen Korrektheiten ‚ertappt‘ zu haben. Er hat lieber geschwiegen oder gesagt, dass man sich in diesem Alter keine Feinde mehr machen solle. Und es hat auch Situationen gegeben, in denen er Emotionen gezeigt hat, sich als Mensch exponiert hat. – Etwas, dass mir nur bei ganz, ganz wenigen anderen Politiker positiv aufgefallen ist. (Emotionslos zu kommunizieren, ist im Übrigen auch eine der Facetten politischer Korrektheit.)

Sprachliche Verrenkungen

Die in Politik und Wirtschaft in Deutschland weit verbreitete offizielle Kommunikationskunst, ist geprägt durch eine schwammige Ausdrucksweise. Man merkt sie vielen Personen des öffentlichen Lebens an. Sie gibt vom Inhalt wenig her, ist oft floskelhaft und erinnert mich unterschwellig an diesen geheimen Sprachkodex, den es für Arbeitszeugnisse in Deutschland gibt.

Diese Form der politischen Korrektheit hat sich in den letzten Jahren massiv zugespitzt, und man kann es nicht nicht sehen: aber sie macht die Kommunikation nicht einfacher. Ganz im Gegenteil.

Es ist als müsste man eine Fremdsprache lernen. Die sprachlichen Verrenkungen sind wie ein Nebel. Wenn man sich davon einfangen lässt, sich einlullen lässt, kann man nach den schlimmsten Nachrichten seelenruhig wieder seinem Tagwerk nachgehen und so tun als wäre nichts geschehen. Diese Sprachform spült alles weich und macht den wahren Inhalt schwer fassbar. Sie macht apathisch und lethargisch, und ich habe den Verdacht, dass auch sie mit ein Grund für das Schweigen der Mehrheit der Bevölkerung ist.

Debattenkultur

Dabei ist doch das einzige, was uns wirklich vorwärts bringt, eine ehrliche und tabulos geführte Debatte.
Eine Debatte, die auf Respekt vor jedem Menschen gründet. Eine Debatte, die auf der Achtung vor jedem Leben gründet und das Ziel hat, eine bessere Debattierkultur zu erreichen als die, die wir im Moment haben. Eine Debatte, in der Einzelne nicht – und schon gar nicht bis an ihr Lebensende – denunziert werden, nur weil sie es wagen etwas Unaussprechliches auszusprechen.

Wir sind wie in ein Korsett gezwungen, von Angst eingeschnürt und mediale Verzerrungen fast schon erwartend, die sicher auch nicht lange auf sich warten lassen werden.

Wie sollen wir so eine ernsthafte, sinnvolle Diskussion erreichen, wenn man jedes Wort auf mögliche Doppeldeutungen oder historischen Kontext bis in die letzte Silbe abwägen muss?

Wie sollen wir den Mut zur Diskussionsbereitschaft aufbringen, wenn wir uns durch aus dem Kontext gerissene Aussagen empören und aus der Fassung bringen lassen, ohne zu merken, dass solche Provokationen mitunter durch mittelmässigen Journalismus gewollt sind, um Aufmerksamkeit und Auflage zu generieren?

Wie sollen wir als Gesellschaft wachsen, wenn uns Meinungen dargereicht werden und Abweichungen vom offiziell vorgegebenen Meinungsspektrum totgeschwiegen oder diffamiert werden?

Sicherlich, es kommt immer auch auf den Ton an. Kommentare destruktiven Tons und Inhalts entledigen sich ihrer Existenzberechtigung von selbst.
Aber es gibt auch viele Perspektiven, die ungehört bleiben – aus genau den obigen Gründen – die aber dennoch hörenswert wären.

Ein Klima der latenten Angst

Mit der gängigen Praxis der Politischen Korrektheit, haben wir ein Klima der latenten Angst geschaffen.
Es ist kein Wunder, dass so viele erwachsene Bürger sich nicht in die öffentliche Diskussion einmischen – aus Angst vor sozialer Ausgrenzung, aus Angst vor der Schweigespirale. Die schweigende Mehrheit schweigt nicht nur aus Apathie und Lethargie. Nein, Angst vor möglichen Repressalien ist ein weiterer möglicher Grund.

Ich bin überzeugt, dass viele Menschen etwas Wertvolles, etwas Gutes beizutragen hätten.
Deutschland, dass sich gern und oft als das Land der Dichter und Denker rühmt, bietet vielen klugen Menschen eine Heimat.
Können wir es uns wirklich leisten, auf die vielen kleinen Ideen kreativer Geister zu verzichten – mit all den Problemen, denen wir uns gegenübersehen?

Wie können wir die Debatte entzerren?

Ohne weiteres wahrscheinlich nicht. Es ist ein Prozess.
Und dieser Prozess wird nur stattfinden und an Geschwindigkeit aufnehmen, wenn eine respektable Mehrheit an Menschen sich zu diesem Kodex der aufrichtigen, wertschätzenden und toleranten Diskussionskultur bekennt. Hinzu kommt, dass diese Menschen auch den Mut aufbringen müssen, daraus entstehende Konflikte auszuhalten.

Es wird vermutlich nicht ohne Narben abgehen. Und auch nicht ohne Tränen. Aber haben wir denn eine Alternative?

Nicht, wenn wir wirklich ernsthaft und aufrichtig sein wollen.

Die Frage, die sich somit stellt, ist, wollen wir nun Lösungen für unsere gesellschaftlichen Probleme finden, oder nicht?
Diese kommen jedoch nicht aus dem Nichts. Das wird ein anstrengender Kraftakt gesellschaftlicher Auseinandersetzung werden, und um diesen zu führen, müssen wir dieses Korsett der politischen Korrektheit ablegen.

Mit einer neuen Kommunikationsform – Politischer Korrektheit 2.0 – könnten wir anfangen, ein paar „heilige Kühe“ zu schlachten.

Zum Beispiel die, dass wir uns als Deutsche immer so klein machen. Die ewige deutsche Schuld.
Das Wort Schuld hat in den letzten Jahrhunderten eine starke kirchliche Prägung erhalten, und ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, als ob die Keule mit dem Schuldbegriff immer dann ausgepackt wird, wenn es einen unorthodoxen Weg zu begehen gilt. Etwas Neues auszuprobieren.

Dabei kommen übrigens die verschiedensten Kreise und Interessengruppen mit dieser Schuld-Keule, scheinbar wissend, dass man sie nur zu schwingen braucht und die Deutschen zucken zusammen und geben leichter klein bei.
Es ist eine Form der Manipulation, und wenn wir uns durch diese Manipulationsform schon nicht mehr beeinflussen liessen, könnten wir zu einer klareren Debattierkultur kommen und hätten bessere Chancen, Lösungen für unsere gesellschaftlichen Probleme zu finden.