Als ich 15 war, fiel die Berliner Mauer.
Dinge passierten, dessen Tragweite ich damals noch gar nicht einzuschätzen vermochte. Egal ob in der Schule oder im privaten Umfeld, es war das erste Mal, dass ich bei autoritär auftretenden Erwachsenen eine Form von Verunsicherung wahrnehmen konnte. Die Masken fielen.
Es war eine unglaublich spannende Zeit!

Die Geschichte nahm ihren Lauf. Deutschland wiedervereinigte sich. Ich ging noch zur Schule, beobachtete aber aufmerksam, dieses neue große Land, zu dem „wir“ fortan gehörten. So vieles, was da neu für mich war.

Die Art und Weise, wie man sich öffentlich benahm.
Die Art und Weise, wie man debattierte.
Die Art und Weise, wie man sich kleidete.
Die Art und Weise, wie man Anerkennung ausdrückte – oder auch nicht.
Die Art und Weise, wie man zur Schau stellte.
Die Art und Weise, wie man redete, ohne etwas zu sagen.
Die Art und Weise, wie man zeigte, was man hatte.

Es gab tausende Dinge, die anders waren. Ich lernte aus Beobachtung.
Und ich hatte viel zu lernen. Diese Lehrjahre waren keine Herrenjahre.

Später, als ich in Rechtsvorlesungen in der Uni saß, über Staatsangehörigkeit lernte, fing ich an darüber nachzudenken.
Staatsangehörigkeit war eine Identität. Wie war das für mich, dass ich mal die Angehörigkeit eines Staates hatte und jetzt die eines anderen?
Keine Ahnung. Leere. Ich spürte keinen Verlust, höchstens Verwirrung. Ich wusste nichts damit anzufangen.

Nach meinem Studium und ersten Berufsjahren fing ich an zu reisen. Ich hatte das innere Bedürfnis, raus zu müssen. Ich besorgte mir zwei work-and-holiday Visa für Australien und Neuseeland, und entschied mich für zwei Jahre ins Ausland zu gehen.

Australien ist für Reisende ein freundliches Land. Auch wenn die Kontakte vielleicht etwas oberflächlich sind, ist es aber relativ einfach mit Menschen dort in Kontakt zu kommen. Ich habe dort Leute vieler Nationalitäten getroffen, und hatte das erste Mal so richtig Gelegenheit, deren unterschiedliche Verhaltensformen zu beobachten und mit ihnen zu interagieren.
Ein nie enden scheinendes Beobachtungsexperiment begann, und in mir reiften Erkenntnisse heran.

Aus meiner persönlichen Geschichte kannte ich so etwas wie Nationalstolz nicht. Es war mir fremd.
Das Selbstverständnis der DDR war das eines underdogs: subversiv unterlegen, suchte man Kontakt und Schulterschluß zu Mächtigen (Sowjetunion), um zu etwas Größerem dazuzugehören. Was blieb auch anderes übrig? Schon der weitverbreitete Polit-Slogan „Überholen ohne Einzuholen“ läßt tief ahnen.

Das wiedervereinigte Deutschland hatte auch keinen Nationalstolz. Ich lernte langsam, dass Deutschland sich mit sich schwer tat, sich mit seiner Geschichte schwer tat und mit seinem Umgang darüber. Es war nicht unbedingt wie rohes Fleisch, wie eine offene Wunde, aber es war wie ein Stigmal. Eine grosse, häßliche Narbe, mit der man nicht so recht wußte, was tun.

Kurzum, ein Bewußtsein meinerseits für meine Herkunft „stolz“ zu empfinden, fehlte mir. Das wurde mir auf diesem großen, trockenen Kontinent im Südpazifik klar. Ich traf Leute, die mit Selbstverständlichkeit und vollkommener Überzeugung sich ihrer Nationalität erfreuten, und dies auch lautstark kommunizierten. Mir war so etwas fremd, und meistens verwirrte es mich.

Dennoch, so ganz unbekannt war es mir nicht. Wenn ich ehrlich bin, blitzte es manchmal auf: im Freudentaumel nach guten Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft. – Aber, es war ach so vergänglich!

Meine Beobachtungen anderer Kulturen und anderer Nationalitäten setzten sich über Jahre fort. Manchmal für kürzer, manchmal für länger hielt ich mich in vielen Ländern in Asien, Afrika, Europa oder Amerika auf.

 

Manchmal war es ambivalent. Ich mochte nicht jedes Land. Ich mochte nicht jede Art, wie man miteinander umging. Ich mochte nicht immer, wie man mit Kindern jeweils umging. Oder mit Tieren. Und ich mochte auch nicht immer wie man mit Touristen umging.

Aber was ich immer mochte – egal wo ich war – war die Natur.
Es gibt kein Land auf dieser Erde, wo ich nicht je einen Flecken Natur fand, nur für mich – und Frieden spüren konnte.

Das Gefühl zu Hause zu sein in einem mir eigentlich fremden Land. Die Sicherheit, die Mauern für eine Weile fallen lassen zu können. Durchatmen zu können. Die Farben der Natur zu in sich aufzunehmen, den Vögeln zu lauschen, dem Puls von Mutter Erde zu lauschen … und zu wissen, alles ist okay.

Wenn man sich nach solch einem „Auftanken“ wieder in diese Realitätsblase begibt, in der man gerade Tourist ist, in der man gerade in Land X ist, und in der man sich selbst als Deutscher, Amerikaner oder Franzose identifiziert, dann weiß man doch gleichzeitig auch, dass das doch irgendwie nicht wirklich wahr ist. Man weiß, es ist ein Konzept. Ein Konzept, dem alle stillschweigend zugestimmt haben. Von dem alle glauben es sei wahr, weil alle denken, es ist so schon immer gewesen.

Als ich nach den zwei Jahren nach Deutschland zurück kam, hatte ich eine der schlimmsten Zeiten meines Lebens. Umgekehrter Kulturschock. Überhaupt nicht lustig.

Deutschland ist ohne Zweifel ein interessantes Land. Aber es ist auch ein unfreundliches Land. Relativ gesehen.
Die Freundlichkeit und Leichtigkeit, die mir in den sonnigen Gegenden des Pazifiks entgegen strahlte, geht Deutschland völlig ab.
Nach zwei Jahren Abwesenheit, begann ich Deutschland mit anderen Augen zu sehen.

Ich verstand damals noch nicht, dass es eine Phase meines Beobachtungsexperiments war. Und eigentlich ein Loslösungsprozeß. Diese Phase des umgekehrten Kulturschocks war für meine eigene Identitätsfindung extrem wichtig.

 

In mir begann sich eine innerliche Distanz zu meiner deutschen Identität aufzubauen. Distanz gegen stillschweigende Verhaltensmuster, die die Nationalität untermauern sollen. Distanz gegen Betrachtungsweisen. Und Distanz gegen Meinungshoheiten.

Ich begann mir Fragen zu stellen.
Wie kann es sein, dass bestimmte Verhaltensweisen innerhalb eines klar abgegrenzten Gebietes [eines Staates] legitim und akzeptiert sind, während die gleichen Verhaltensweisen in einem anderen abgegrenzten Gebiet [eines Staates] für Stirnrunzeln sorgt?
Wie funktioniert diese sogenannte Konsensrealität, diese stillschweigende Übereinstimmung wie man Realität wahrnimmt und für wahr hält?
Was ist Nationalität genau?
Was ist meine Identität, jetzt wo ich solch große innerliche Distanz zu Deutschland verspüre, wer bin ich noch?
Und wer bin ich überhaupt?

Europa ist ein interessantes Gemisch unterschiedlichster Nationalitäten. Wenn man in Europa aufwächst, kann man sich der Tatsache nicht entziehen, dass viele anders sind, anders sein wollen und auch auf ihrem Anderssein beharren. So sei es.

Erwartungsgemäss bringt dies auch Konflikte mit sich. Aus der Geschichte wissen wir, dass es in Europa oft kriegerische Auseinandersetzungen gegeben hat. Grenzen haben sich verschoben, Völkerwanderungen geschahen. Schaut man sich dieses kurze Video zu den territorialen Veränderungen in Europa an, wird dies sehr eindrücklich und bekommt man eine ungefähre Ahnung, dass die Idee des Nationalstaates, eigentlich nichts anderes als eine Ideologie ist.

 

 

 

„Eine Ideologie ist ein System von Vorstellungen, das explizit oder implizit Anspruch auf eine absolute Wahrheit erhebt.“

 

Alle meine Erfahrungen zusammengenommen, definiere ich heute meine Identität nicht mehr durch meine Nationalität. Identität ist so viel mehr als das.

Es hat sich in meinem Leben so ergeben, dass ich nicht mehr in Deutschland lebe. Ich spreche die Sprache und verbinde einen Teil meiner persönlichen Geschichte mit Deutschland. Aber ich fühle mich unbehaglich zu sagen „Ich BIN Deutsche“. Werde ich danach gefragt, antworte ich, dass ich einen deutschen Pass habe. Aber meine Zugehörigkeit zu einer inhomogenen Masse an Menschen zu verlautbaren, die ich a) nicht alle kenne, und b) deren gesellschaftliche Normen nicht immer meinen Normen entsprechen, kommt mir unlogisch vor.

Der Pass ist ein Reisedokument, mit dem ich in dem Konstrukt der Welt, wie wir sie momentan haben, von A nach B reisen kann.

Meine Identität geht weit über meine Nationalität hinaus.

Wer seine Identität nur auf seine Nationalität beschränkt, landet schnell in der Sackgasse.
Dann werden Nachbarn zu Fremden und Flüchtlinge zu Invasoren. Dann wird die große weite Welt zur Bedrohung, anstatt zur Abenteuerlandschaft.
Dann wird das Leben zum Kampf, statt zum Spiel.

Nationalität ist eine Sackgasse.