Ich habe ein interessantes Konzept gefunden, welches sich mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigt, die wir alle erleben, und die alle unsere Leben beeinflussen. Der ungarische Philosoph Ervin Laszlo hat sich mit den Dynamiken des beobachtbaren gesellschaftlichen Wandels beschäftigt und seine Beobachtungen und Erkenntnisse in das Macroshifts-Modell einfliessen lassen. In dem Konzept des Macroshifts spielt die Bifurkation eine wichtige Rolle, indem sie auf das Risiko zweier völlig unterschiedlicher Ergebnisse eines Prozesses hinweist.

Der Begriff Bifurkation ist eine wichtige Grösse in den Komplexitätswissenschaften, und beschreibt dort das Ergebnis einer Gabelung – wobei es nur einer minimalen Änderung bedarf, um ein massiv anderes Ergebnis zu erhalten.
Angewandt auf gesellschaftliche Aspekte, sieht Laszlo die Bifurkation als evolutionäre Dynamik der Gesellschaft, welche sich in einem schnellen und fundamentalen Wandel äussert.

Betrachten wir dieses Konzept des Macroshifts etwas näher. Dieser Macroshift besteht aus 4 Phasen (oder aus 4 ½ oder 5 – alles eine Frage der Perspektive, aber im Rückblick werden es nur 4 sein):
Phase 1: die Trigger-Phase. Eine Epoche, in der die Entwicklung bedeutsamer Technologien grössere Effizienz in der Beeinflussung oder Manipulation der Natur ermöglicht.

Phase 2: die Transformations-Phase. In dieser Phase verändern diese ‚bedeutsamen‘ Technologien die sozialen und ökologischen Beziehungsgeflechte. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind
(i) ein höheres Ausmass in der Herstellung von Produkten
(ii) schnelleres Bevölkerungswachstum
(iii) höhere gesellschaftliche Komplexität
(iv) wachsender Einfluss auf die soziale und natürliche Umgebung

Phase 3: ist die Chaos-Phase. In dieser Phase ist beobachtbar, dass die Änderungen in den sozialen und ökologischen Beziehungsgeflechten Druck auf die etablierte Kultur ausüben, indem altehrwürdige [time-honored] Werte und Ansichten, und die damit verbundenen Ethiken und Ziele in Frage gestellt werden.

Und nun wird es richtig interessant.

Phase 4 ist der Ausdruck der Bifurkation, die Gabelung im Prozessgeschehen. Es gibt nämlich zwei vierte Phasen.
Phase 4a ist die Phase des Zusammenbruchs. Werte, Weltanschauungen und Ethiken einer kritischen Masse von Leuten widersetzt sich entweder dem Wandel oder passt sich zu langsam an. Hinzu kommt, dass die bestehenden Institutionen zu unflexibel sind, um eine der Zeiten (oder der Phase) angemessene Transformation zu erlauben. — Die soziale Komplexität, verbunden mit einer degenerierenden Umwelt, erzeugt ein nicht mehr handhabbares Stresslevel; es folgen eine Anzahl von Krisen, welche letztendlich in Konflikte und Gewalt ausarten.

Phase 4b ist die Phase des Durchbruchs. In dieser Bifurkation erfährt die Geisteshaltung einer kritischen Masse an Leuten eine Läuterung, und ermöglicht der Gesellschaft einen Shift. Die verbesserte soziale Ordnung etabliert sich selbst, und das soziale System stabilisiert sich in den veränderten Bedingungen.

Eine Serie präziser Mini-Shifts

„Die Wende ist ein Serie präziser Mini-Verschiebungen in jedem Einzelnen der sozialen Systeme, die alle gleichzeitig stattfinden.“ — Barbara Marx Hubbard

In welcher Phase sind wir? 4a oder 4b?
Ich bin mir sicher, jedem fallen sofort mehrere Beispiele für jede der beiden Bifurkationsphasen ein. Vermutlich mehr für den Zusammenbruch, als für den Durchbruch. Und ein wichtiger Grund hierfür ist in dem Umstand zu finden, dass die Massenmedien – unsere „Meinungsbilder“ – bevorzugt negative Nachrichten verbreiten, und damit unsere Wahrnehmung beeinflussen.
Aber Wahrnehmung ist eine Wahl.

Die Zukünftige Evolution

„Wir beeinflussen die zukünftige Evolution unserer Genome mit den Entscheidungen, die wir treffen.“ — Deepak Chopra

Es gibt immer mehr als nur eine Perspektive.
Der kollektive Wahnsinn, den wir überall auf der Welt beobachten können – sei es in Amerika durch die Eskapaden Donald Trumps oder die verschiedenen national-populistischen Bewegungen in fast jedem Land in Europa.

Kulturelle Evolution

„Kulturelle Evolution hat die biologische Evolution als hauptsächliche Antriebskraft des Wandels ersetzt.“ — Freeman Dyson

Was wir erleben, ist die Phase des grossen Erwachens. Die Menschen wachen auf zu der Tatsache, dass etwas auf diesem Planeten hier nicht stimmt. Nicht stimmen kann.
Wir sind seit gefühlten Ewigkeiten in einem kollektiven Strudel von Hasses, Verurteilung, Angst, Wettbewerb und des Überlebens gefangen. All die unterschwellig vorhandenen Energien, die sich bisher verschweigen lassen konnten, kommen durch die schiere Wut derer, die Veränderung ablehnen, nun an die Oberfläche.

Aber es ist perfekt, dass sie an die Oberfläche kommen!
Jeder von uns wird sich auf die ein oder andere Weise seiner Anhaftungen zu kollektiven Programmierungen bewusst. Und ich sage absichtlich „bewusst werden“, weil diese im Unter-Bewusstsein ablaufen, und sich dort versteckt halten.
Sich dieser Programmierungen nun endlich gewahr zu werden, eröffnet die Möglichkeit für einen Realitäts-Check.

Wer von uns kann behaupten zu wissen was richtig und falsch ist?

Oftmals, erhebt die Konsensrealität den Anspruch zu bestimmen, was kollektiv als richtig oder falsch anzusehen ist.
Aber auch die Konsensrealität ist nichts als eine soziale Vereinbarung. Eng damit verbunden ist die Schweigespirale, welche die Bereitschaft der Menschen ausdrückt, sich öffentlich nur dann zu ihrer Meinung zu bekennen, wenn das Meinungsklima es zulässt.

Was an Veränderungen nun auf die Gesellschaft zugekommen ist, hat diese unterschwelligen Energien an die Oberfläche katapultiert. Unsere kollektiven Programmierungen melden sich zu Wort. Das Meinungsklima – der zentrale Schutzwall für das Funktionieren der Schweigespirale – hat sich gedreht. Plötzlich ist es nicht mehr ganz so frevelhaft, vom Mainstream abweichende Meinungen zu vertreten. Es gibt nun eine breite Masse, die sich – unbewusst – zu ihren kollektiven Programmierungen bekennt und – auch unbewusst – den Weg zu deren Transformation frei macht.

Konsensrealität

„Die meisten Menschen glauben unbewusst, dass im Konsens Wahrheit und Richtigkeit liegt. Die meisten Menschen glauben, dass die Macht des Gruppenkonsens gleich der Macht der Unterscheidungsfähigkeit ist zwischen recht und unrecht, wahr und falsch. Tatsächlich, ist der Konsens nichts anderes als die Erfahrung vieler Menschen, die die gleiche Perspektive teilen.“ — Teal Swan

Veränderung kann schmerzhaft sein. Veränderung stellt manchmal alles in Frage, was wir als selbstverständlich oder sogar Gott-gegeben betrachten.
Aus der Makro-Perspektive betrachtet, jedoch, ist Veränderung das einzige was überhaupt Sinn macht.

Das Universum ist Veränderung

„Behalte immer im Hinterkopf, wie viele Dinge du bereits sich verändern gesehen hast. Das Universum ist Veränderung, das Leben ist Verständnis.“ — Marcus Aurelius

Wir haben schlichtweg keine andere Wahl, als uns in Konstruktivität diesem Tornado der Veränderung zu stellen.
4a oder 4b. Zusammenbruch oder Durchbruch.

Diejenigen, die lieber alles zusammenbrechen sehen würden, können eigentlich auch genauso gut Selbstmord begehen. Das wäre noch nicht mal die schlimmste Option, denn dann gäbe es weniger Widerstand gegen diejenigen, die emsig und mit vollster Überzeugung am konstruktiven Erschaffen einer neuen Wirklichkeit arbeiten.

Es gibt massive Missstände auf diesem Planeten.
Ich rede hier von Vernichtung von Lebensräumen, von Sklaverei, von Hunger, von Krieg, von Elend und Krankheiten. Ich spreche von Korruption, Menschenhandel, Missbrauch und Ausbeutung.
Die Einzigen, die ein Interesse an deren Aufrechterhaltung haben können, sind diejenigen, die von diesen Missständen profitieren.

Es mag ein Grund für sie sein, an ihrem Widerstand festzuhalten.
Für mich und für Millionen Anderer, ist es ein Grund, weiter für den Durchbruch zu arbeiten.

Die Welt verändern

„Unsere Wahl ist das Einzige, was die Welt verändern wird.“


Referenz: Laszlo, Ervin (2001): Macroshift. Navigating the transformation to a sustainable world. San Francisco, Calif: Berrett-Koehler; London :  McGraw-Hill.