Perspektiven haben etwas magisches.

Es mag skurril oder abstrakt klingen, aber das Einnehmen von mehr als einer Perspektive kann bereichernd sein. Aber eigentlich ist „bereichernd“ noch eine völlige Untertreibung.

Perspektivwechsel haben das Zeug zur Magie!

Das Zulassen von mehr als einer Perspektive hat oft diesen Aspekt von Toleranz. Es kann die eigene Selbstwichtigkeit aushebeln. Es kann zu der Erkenntnis führen, dass man in seiner eigenen kleinen Realitätsblase lebt, die mit der grossen Welt nicht viel gemein hat. [Ohne Wertung]

Es kann aber auch grenzenloses Staunen auslösen, wie unterschiedlich unsere Lebensweisen, Sichtweisen, persönliche Programme oder auch Limitierungen sein können.

Das Zulassen einer anderen Sichtweise kann auch Unsicherheit auslösen. „Wie kann es sein, dass all die Zeit ich dies nur so gesehen habe, bzw. nur so sehen konnte?“

Unsere Massenmedien sind ein prima Beispiel.
Aus meiner Kindheit in der DDR kenne ich noch die ein-perspektivische Berichterstattung. Es war in etwa so wie das, was wir heute von Nordkorea hören. Eine offizielle Gangart mit fixem Vokabular.

Mehr Freiheit heisst auch mehr Vielfalt in der journalistischen Perspektive. Die meisten unserer Medien heute lassen Kommentare von fremden Journalisten zu, und bieten eine grössere perspektivische Vielfalt. Dennoch müssen diese Kommentare immer noch mit der „Grundorientierung“ des Blattes übereinstimmen. – Ein Nazi wird kaum in der linken TAZ seine Parolen veröffentlichen dürfen, und ein Verschwörungstheoretiker wird sehr wahrscheinlich bei konservativen Blättern mit seinem Theoretikum abblitzen.

Aber diese perspektivischer Vielfalt kennt noch eine Steigerungsform: Multi-Perspektivität.
Diese Option wird zumindest von jenen Onlinemedien angeboten, die ihrer Leserschaft das Verfassen von Leserkommentaren gestatten.

Nun, hier wird es theoretisch. Leider.
In unserer Kommentar-Kultur spiegelt sich wider, wo wir als Gesellschaft stehen. Wenn ich manchmal so durch die ersten Kommentare zu einem Artikel scanne, erfüllt mich oft ein beklemmendes Gefühl. Was meine Augen da erblicken ist häufig dumpf, böse und unausgewogen – um nur eine wenige Attribute hier zu bemühen.

Sicherlich, auch dies sind Perspektiven.

Aber in ihnen liegt keine Magie. Sie haben nichts Erhebendes, nichts Erhellendes, nichts Erweiterndes, nichts Faszinierendes. Sie füttern nicht mit Spannung, Wissbegierde oder Toleranz. Sie laden nicht zum Weiterlesen ein und eignen sich nicht für gehaltvolle und gepflegte Diskussionen im Freundeskreis.
Nein, sie verschliessen. Sie versuchen die dunklen Seiten in uns zu ködern und verführen uns, uns in latenter Unzufriedenheit zu verlieren.

Es ist ja auch allzu einfach. Man kann sich hinter einem Monitor verstecken, und anonym Triple-D Kommentare verfassen (DDD = dumpf, diffamierend, denunzierend).

Und so uninspirierend diese extremen Sichtweisen auch sein mögen, sie erfüllen dennoch einen wichtigen Zweck in der Gemeinschaft. Eigentlich zwei.

Sie helfen zum einen den Raum zu bestimmen. Wo positioniert sich die Gemeinschaft in Relation zu diesen Meinungsäusserungen? Mit Schweigen, Ablehnung, Sturm der Entrüstung, Spott oder Hohn?

Zum anderen können sie das Salz in der Suppe sein. Manchmal ist eine öffentliche Diskussion einfach noch nicht ‚rund‘, ohne dass ein extremes Meinungsspektrum mit angehört und integriert wurde. Es ist eine Art der Stabilisierung der Gesellschaft: es braucht Extreme die man ausgrenzen kann, um die Gemeinschaft zu stabilisieren.

Ausgewogene Kommentare zu schreiben und seine eigene Perspektive stilistisch und sauber auszuarbeiten und dann Andere daran teilhaben lassen, bedeutet Arbeit. Nicht jeder ist zum Dichter und Denker geboren.

Das Zulassen neuer Perspektiven ist kein trivialer Akt. Hier gilt es Wissenslücken zu schliessen, tolerant zu sein und die Möglichkeit zuzulassen, dass das eigene Wissen vielleicht unvollständig ist und man mit seiner eigenen Meinung eventuell daneben liegt.

Perspektiven haben deshalb etwas magisches, weil sie eng mit dem Bewusstsein verwoben sind.
Sie können erhebend oder erschütternd sein, und die Art, wie wir die Welt sehen, abrupt verändern.

Du bist Bewusstsein

Bewusstsein kennt keine Religion, keinen Glauben oder Ideologie, kein Geschlecht, keine Sexualität, keine Rasse und keine Nationalität.
Du BIST Bewusstsein.

Diese abrupten perspektivischen Wechsel lösen oft einen Bewusstseinssprung aus. Die im Vorhinein gehaltene Perspektive wird transzendiert, und plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war. Gedanken kreisen, Fragen stehen im Raum, neue Kausalitäten tun sich auf … und auf einmal ist das alles nicht mehr so einfach, wie es anfangs noch aussah. Die Relativitäten haben sich verschoben, das alte Meinungsspektrum steht auf wackeligen Füssen und die Welt steht Kopf. Eine unerwartete Komplexität hat sich aufgetan.

Magie.
Nichts davon hätte man vorher in Worte „giessen“ können.
Nichts davon hätte man vorher ankündigen können.
Kein Wort vermag es, die Magie dieser Transformation zu erfassen, geschweige denn zu beschreiben.

Viele unserer Wahrnehmungen und unserer Perspektiven – als Zivilisation, als Kultur, als Gesellschaft – werden in den nächsten Monaten und Jahren einem radikalen Wandel unterworfen werden. Wir sind eigentlich schon mittendrin in diesem Prozess. Wenn wir es schaffen zwischendrin mal nach Luft zu schnappen, werden wir uns fragen, wo dieser ganze kollektive Wahnsinn eigentlich noch enden soll.

Aber vielleicht sollten wir die Zwischenfragen einfach auslassen. Sonst verpassen wir noch die Magie, die im Prozess selbst liegt.