Diese Tage fand ein Artikel meine Aufmerksamkeit. Der provokante Titel ‚Wir ziehen jetzt unser Ding durch – das sollte Euch Angst machen‘, liess mir eigentlich überhaupt gar keine Wahl. Ich MUSSTE klicken.

Was dann vor meinen Augen erschien, war ein Artikel, aus dem die Wut schrie. Die Wut eines zur Generation Y Zugehörigen, der seine (bescheidenen) Ansprüche vor einer gottlosen Welt zu reklamieren versucht.
Authentisch geschrieben, dies kann man ohne weiteres so stehen lassen. Aber leider nicht geeignet als Endfassung für die Publikation. [Persönliche Meinung]

Noch etwas mehr Recherche hätte nicht nur dem Artikel gut getan, sondern auch den Autor zu einem tieferen Verständnis geführt, um die vielen Facetten des Lebens besser einzuordnen, dessen er sich beraubt sieht.

Im Artikel wird sich aufgelehnt gegen die Ungerechtigkeiten des Systems. Aber leider – und dies ist der grosse Denkfehler im eigenen System – greift er in seiner Argumentation dabei ständig auf die Mechanismen des Systems zurück, welches er doch so anprangert. Beispiele gefällig?

  • Rache: „Bald dürft Ihr Praktika bei uns machen.“
  • Drohung mit Überlegenheit: „Werft mal einen Blick auf die Zahlen. In etwas mehr als zwei Jahren sind wir in der Mehrheit.“„Wir geben den Tag und den Stil vor.“„Das sollte Euch Angst machen.“
  • Separation: „Es sind unsere Leute, die …“
  • Herabwürdigung: „Wir sorgen dafür, dass Euch niemand mehr braucht.“

 

Die Einseitigkeit der ausgedrückten Wut tut vielen Menschen in der Gesellschaft und auch vielen positiven Entwicklungen unrecht.

Klar kann man debattieren, inwiefern Ansprüche bestehen. Aber Respekt und Dankbarkeit gegenüber allen vermissen zu lassen, die sich um Werte und Menschlichkeit bemühen, ist nicht fair.
Auch ich identifiziere mich zu einem Teil mit der Generation, in deren Namen dieser Artikel geschrieben wurde. Ich kann Aspekte dieser Wut nachvollziehen. Aber ich bin nicht einverstanden mit der Artikulation.

Was es hier zu lesen gab, war vielsagend.
Im Versuch, sich abzugrenzen, sich als Opfer darzustellen, seine Ansprüche geltend zu machen, wurde die Ungerechtigkeit der Welt auf Pauschales reduziert. Das ist kein Zeichen von Reife.

Das ist keines der Ziele unserer aufstrebenden Kultur.
Deren Ziele sind nämlich Differenzen zu überbrücken, Bemühungen zu harmonisieren, die Menschen miteinander zu verbinden, und den Menschen zu helfen, untereinander Gemeinsamkeiten zu entdecken.
So fragwürdig wie manche Praktiken auch sein mögen die der Autor hier anprangert, sein wütender Rundumschlag ist verpufft.

Er hält einfach nicht Stand. Er hält nicht Stand, weil es ihm an Differenzierung und Weisheit mangelt.
Es ist unübersehbar, dass auf diesem Planeten etwas nicht stimmt. Wir können die Augen nicht davor verschliessen, dass manches hier so richtig schief läuft.

Klar, wir haben eine Menge politischer und wirtschaftlicher Probleme. Aber eigentlich auch wieder nicht.

Was wir wirklich haben, ist ein Bewusstseinsproblem.

 

Unsere Glaubenshaltungen bestimmen, wie wir die Welt erfahren

„Wenn wir kollektiv in Trennung, Hass, Verurteilung, Angst, Wettbewerb und Überleben gefangen sind, ist es wenig verwunderlich, wenn unsere Welt diese Energie reflektiert. Unsere Glaubenshaltungen und Wahrnehmungen bestimmen buchstäblich die Welt, die wir erfahren.“

Was wir brauchen ist ein Wandel in unserer Einstellung.

  • Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir an die Dinge rangehen.
  • Wir müssen aufhören, mit dem Finger auf andere zu zeigen und uns gegenseitig in Schuldzuweisungen zu verstricken.
  • Wir müssen damit anfangen unsere Systeme so aufzubauen, dass zukünftige Generationen das gleiche Mass an Lebensqualität geniessen können, wie wir selbst. (Wir müssen uns nämlich nicht wundern, wenn die Unzufriedenen auf die Strasse gehen und an Demos den (ach so hart erarbeiteten) Wohlstand boykottieren.)
  • Im Kollektiv müssen wir anerkennen, dass jeder von uns Emotionen hat und der Ausdruck dieser wichtig und richtig ist. Dass es aber selten zu etwas Gutem führt, wenn man sich in Wort und Tat von seinen negativen Emotionen leiten lässt.
  • Wir müssen kollektiv zu einem Bewusstsein kommen, dass alle Menschen auf dem Planeten – einfach aus dem Grunde, dass sie am Leben sind und ein Teil allen Lebens auf dem Planeten sind – ein Recht auf Nahrung, Bildung und Würde haben. Und wir müssen hier so ehrlich sein, dass wir anerkennen, dass die reicheren Kontinente auf Kosten der Armen und Ärmsten leben. Ich sehe keinen Sinn darin, die individuelle Schuldfrage hier aufzuwerfen; aber die Frage nach kollektiver Verantwortung muss schon gestellt werden.
  • Wir müssen verstehen lernen, dass unsere national Identität nur ein kleines Stück unserer persönlichen Identität ist (und nicht umgekehrt), und dass wir alle ein Teil von etwas viel Grösserem sind.

Eckhart Tolle

„Jedes Individuum ist ein Ausdruck des kollektiven Bewusstseins der Menschheit, und das kollektive Bewusstsein der Menschheit ist ein Ausdruck des einen universellen Bewusstseins.“

Der Artikel ist Teil des Selbst-Beschiss, in den wir uns als Gesellschaft eingekauft haben.
Ich habe viele Gegenmeinungen gesehen, die den Autor als Teil einer verweichlichten und verwöhnten Generation bezeichneten. Ich habe auch viele Kommentare gesehen, die dem Verfasser vorbehaltlos zustimmten.

Verschiedene Perspektiven sind das, was ein Gesamtbild ergibt. Auch ich kann mehreren Perspektiven etwas abgewinnen.

Aber weiter kommen wir nur, wenn wir uns Mühe geben, dass grössere Ganze zu verstehen. „Ihr“ und „Wir“ ist genauso wenig zielführend wie „gut“ und „böse“. Rotkäppchen und der Wolf ist nur ein Märchen.
Aber das Leben, wie wir es uns als Gemeinschaft definieren, ist etwas das wir gemeinsam gestalten. Wir alle sind miteinander verbunden.

 

Und wenn der Autor das eines Tages versteht, wird er auch nachvollziehen können, dass seine Wut auf diese Ausprägungen der erlebten Ungerechtigkeit ein Aspekt seiner eigenen Täuschung ist.

Wir können wirklich jeden gebrauchen, um ein neues Bewusstsein auf Planet Erde zu erschaffen: um all die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme zu Lösungen zu führen.