Auf der Webseite des WEF fand ich kürzlich den Global Challenge Insight Report The Future of Jobs, der sich mit den technologischen Entwicklungen und den daraus resultierenden Herausforderungen befaßt, die im Wirtschafts- und Arbeitsleben in den nächsten Jahren global auf uns zukommen.

Es ließe sich viel sagen und schreiben, zu dem was dieser Bericht an Trends und Aufgaben herausgefiltert hat.
Einer der Punkte, der schnell mein Interesse weckte, war eine Top 10-Liste mit den am dringendsten benötigten Fähigkeiten für Arbeitnehmer für die nächsten fünf Jahre, bis 2020.

Laut diesem Bericht sind die Top 10 Fähigkeiten bis 2020:

  1.  Lösen von komplexen Problemen
  2. Kritisches Denken
  3. Kreativität
  4. Menschenkenntnis/Führung von Menschen
  5. Koordination von Anderen
  6. Emotionale Intelligenz
  7. Tatsachenbeurteilung und Treffen von Entscheidungen
  8. Serviceorientierung
  9. Verhandlung
  10. Kognitive Flexibilität

Future of Jobs Report

Die Liste – entstanden aus Umfragen führender Manager und Wirtschaftslenker – ist eine informative Zusammenstellung, und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie realistisch und relevant diese Vorgaben sind.

Um was geht es bei diesen Fähigkeiten eigentlich?

(1) Lösen von komplexen Problemen. Zum Lösen komplexer Probleme bedarf es nicht nur einer in die Tiefe gehenden Wissensbasis, sondern auch einer in die Weite gehenden Wissensbasis. Über den Tellerrand zu schauen und Mut zum Querdenken sind hier nötig. Aber nicht nur das. In den letzten Jahren haben die Komplexitätswissenschaften vermehrt auf sich aufmerksam gemacht. Dies ist keine neue Sorte von Wissenschaft, sondern betrachtet Themenkomplexe gebietsübergreifend unter dem Aspekt, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile ist. Ein Ansatz, der keine lange Historie in der gegenwärtigen Wissenschaft hat, und demzufolge den Kinderschuhen noch nicht entwachsen ist. Vieles ist noch nicht erforscht und verstanden, aber die Anfänge sind gemacht.

(2) Kritisches Denken. Ist in einer Gesellschaft, die geknebelt ist von politischer Korrektheit, eine Fähigkeit, die auch ein gehöriges Maß an Resilienz und Durchsetzungsfähigkeit benötigt.

(3) Kreativität. Gibt es nicht auf Bestellung. Wie Mihaly Csikszentmihalyi in seinem Buch „Kreativität“ beschreibt, findet diese nicht im Kopf stattfindet, sondern in der Interaktion zwischen dem Individuum und dem sozio-kulturellen Kontext. Sie ist ein eher systemisches als ein individuelles Phänomen, und häufig an den Schnittstellen verschiedener Kulturen anzutreffen, wo Überzeugungen, Lebensweisen und Erkenntnisse zusammentreffen und dem einzelnen die Möglichkeit geben, neue Ideenkombinationen leichter wahrzunehmen. In uniformen, starren Kulturen muß man hingegen mehr Aufmerksamkeit investieren, um neue Denkweisen – und resultierend daraus, Kreativität hervorzubringen.

(4) Menschenkenntnis/Führung von Menschen. Menschenkenntnis oder die Führung von Menschen stellt sich bestenfalls durch im Leben gemachte Erfahrungen ein. Es ist nichts, was man von 23jährigen Universitätsabsolventen berechtigterweise erwarten kann.

(5) Koordination von Anderen. Führungserfahrung bzw. die Koordination von Anderen ist eine soziale Fähigkeit, die idealerweise in einer Gesellschaft von kleinauf erlernt wird, die Werte wie Respekt und Wertschätzung jedes Individuums verinnerlicht. Die weit verbreiteten hierarchischen Systeme und Status-Quo-Denken sind dem wenig förderlich, und ein schlechtes Vorbild.

(6) Emotionale Intelligenz. Die emotionale Intelligenz ist ein komplexes zwischenmenschliches Produkt von wertschätzender Erziehung, von Reflektion und Empathie. Eine Gesellschaft, die ihre Sprößlinge vor Fernsehern oder Videokonsolen „parkt“, welche dann ihre Jugendjahre mit virtuellen Spielen zu Kriegsstrategien verbringt, scheint mir wenig prädestiniert dafür, solide Grundlagen für emotionale Intelligenz im Nachwuchs zu legen.

(7) Tatsachenbeurteilung und Treffen von Entscheidungen. Die Tatsachenbeurteilung und das Treffen von Entscheidungen ist schwerlich vorstellbar für Menschen mit limitiertem Wissenshorizont. Ähnlich wie bei der Fähigkeit des Lösens komplexer Probleme bedarf es hier eines weitreichenden Blickwinkels und einer stabilen Wertebasis, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist.

(8) Serviceorientierung. Die Serviceorientierung ist vielleicht noch das mit am Leichtesten zu Erlernende, wenngleich dies auch ein eher untypischer Anforderungskatalog an unser Bildungssystem ist. Der Dienst am Anderen wird im sozialen Miteinander gelehrt, und ist schwerlich durch Tabellen, Grafiken und Theorien erörterbar. Es ist eine Einstellung.

(9) Verhandlung. Die Fähigkeit Verhandlungen zu führen bedarf eines großen Maßes an emotionaler Intelligenz, Kreativität, Strategieerfahrung, sowie robustem Wissen in Konfliktmanagement. Dies sind alles Fähigkeiten, die kaum durch Lernen von harten Fakten erzielt werden können, sondern im zwischenmenschlichen erprobt und adaptiert werden müssen.

(10) Kognitive Flexibilität. Ist wohl die am schwersten greifbare Fähigkeit des oben genannten Forderungskatalogs. Das menschliche Gehirn ist noch immer das am Wenigsten verstandene Organ der menschlichen Physis, und bei Erklärungsversuchen vieler außergewöhnlicher mentaler Fähigkeiten tappen unsere Wissenschaftler heute noch im Dunkeln. Wenn man nicht weiß, wie es funktioniert, wie soll es dann weitervermittelt werden?

Eine beeindruckende Zusammenstellung. Aber ist es realistisch, darauf zu setzen?

Unsere Unis bilden Leute mit solch einer Fähigkeitenpalette nicht aus. Fakten und meßbare Leistung sind die Währung unseres Bildungssystems. Solche soft skills wie hier gelistet, werden höchstens in Ansätzen gelehrt und im Leben hart erarbeitet.

Trotz dieser umfangreichen Palette an Fähigkeiten hatte ich das Gefühl, dass dies noch nicht alles gewesen sein kann.
Ich will nicht in Frage stellen, dass alle diese Fähigkeiten der Top 10 Liste wichtig sind, aber für mich fehlt hier einiges. Ich weiß nicht welche Fähigkeiten auf den Plätzen 10 bis 20 gelandet sind, und es deshalb nicht in den Bericht geschafft haben.

Gut möglich, dass es nur eine Frage der Priorisierung war, aber ich möchte diese Liste gern erweitern. Rein aus ästhetischen Gründen auf 10 Fähigkeiten beschränkt zu bleiben, kommt mir unnötig limitierend vor – insbesondere wenn wir den Zustand unserer Welt und unserer Probleme betrachten, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen.

 

Daher möchte ich hier noch sieben weitere Fähigkeiten hinzufügen, die mir gleichwertig und gleichgewichtig erscheinen:

  1. Konfliktresolution
  2. Verständnis der Wichtigkeit und des Einflusses der Geschichte
  3. Souveränität
  4. Eigenverantwortung
  5. Spirituelles Gewahrsein
  6. Soziales Bewußtsein
  7. Gelassenheit

 

1.) Konfliktresolution. Leute mit Kompetenzen in Konfliktdeeskalation, die Verständnis in der Kunst des Rückzugs mitbringen und die willens sind Kompromisse einzugehen, um zu gewinnen. Das schließt die Fähigkeit zur wertschätzenden, vorurteilsfreien und emphatischen Kommunikation ein.

2.) Verständnis der Wichtigkeit und des Einflusses der Geschichte. Menschen, die die Wichtigkeit und den Einfluss geschichtlicher Zusammenhänge verstehen, auf denen viele der heutigen gesellschaftlichen Interaktionen beruhen. Dazu gehört Einschätzungsvermögen wo und wie Kulturen und/oder soziale Minderheiten in Veränderungsprozesse mit einbezogen werden können, um Konflikte zu vermeiden.

3.) Souveränität. Praktizierte Unabhängigkeit und das Selbstvertrauen, auch in unbequemen Situationen ‚Nein‘ zu sagen, fällt heute oft dem Einfluß von Lobbyisten- und Interessengruppen oder Abhängigkeitsverhältnissen zum Opfer, oder aber wird durch gezielte Manipulationen untergraben.

4.) Eigenverantwortung. Der Mut, Dinge selbst auszuprobieren und eigene Erfahrungen zu machen, anstatt durch Empfehlungen und Manipulationen zu einem bestimmten Ergebnis hin dirigiert zu werden.

5.) Spirituelles Gewahrsein. Kenntnis und Respekt der universellen Prinzipien ist eine der wichtigsten Fähigkeiten. Jeder der verstanden hat, dass alles mit allem verbunden ist, weiß automatisch, dass jede weitreichende Entscheidung zu welchem komplexen Problem auch immer, sich auf andere Gebiete auswirken wird.

6.) Soziales Bewußtsein. Menschen, denen ihr Umfeld in nah und fern nicht egal ist, die eine gute Arbeit tun wollen und denen das Wohl des Ganzen am Herzen liegt, die Kollateralschäden nicht billigend in Kauf nehmen und die auf unsere gestresste Welt einen positiven Einfluss hinterlassen möchten.

7.) Gelassenheit. Das Wahren von Harmonie und Balance durch Dankbarkeit, Akzeptanz und Anerkennung sind alles Eigenschaften, die für uns alle – auf der persönlichen Ebene – in den nächsten Jahren kritisch sein werden. Hinzu kommt die Fähigkeit Lachen zu können, und sich und die Welt nicht allzu ernst zu nehmen.

 

Dies ist meine Ergänzung zu der vom WEF vorgelegten Liste. Es ist ein Anfang, aber letztendlich liegt es auch an den politischen und wirtschaftlichen Eliten, die Rahmenbedingungen für das weitere Geschehen zu setzen.

An dieser Stelle rückt aber noch ein anderer Aspekt in den Vordergrund. Es ist der Aspekt der Absicht.
Es muß erlaubt sein die Frage zu stellen, welche(s) Motiv(e) unsere Wirtschaftslenker haben, um solche eine Liste zu entwerfen.

Ist es ihre Absicht mehr und mehr Profite einzustreichen, Menschen und Umwelt auszubeuten und noch mehr zur weltweiten Einkommensungleichverteilung beizutragen und soziale Ungleichheit zu fördern?
Oder ist es ihre Absicht, für die Probleme denen wir uns gegenübersehen wirklich und wahrhaftig Lösungen zu finden, und notwendige Korrekturen an unseren bröckelnden Systemen vorzunehmen?

„… Die Eliten sind von den Bürgerlichen dahingehend abhängig, dass sie Arbeit und Ressourcen für die Erschaffung von Wohlstand zur Verfügung stellen. Sind die Bürgerlichen nicht mehr in der Lage ihre Dienste aufgrund lähmender Armut, zerstörerischem Wetter, Hungersnöten, ökologischer Zerstörung oder jeglicher anderer widriger Umstände anzubieten, dann wird die Fähigkeit der Eliten Wohlstand zu erschaffen so dermaßen davon beeinflußt werden, dass das gesamte System kollabieren wird.“

— Grigg, Ray: The upcoming collapse of civilization, TroyMedia, 2014.

Was diese Liste mit den nunmehr 17 Fähigkeiten anbetrifft:

Ich weiß, dass es anspruchsvoll klingt. Aber ich zweifle eigentlich nicht daran, dass es Menschen mit diesen Fähigkeiten gibt.
Es gibt sie. Sie sind vermutlich keine 17 oder 23 Jahre alt. Vielleicht weisen ihre Lebensläufe Brüche auf. Vielleicht haben sie schon viele verschiedene, oft nicht im Zusammenhang stehende Jobs in ihrem Leben gemacht.
Und vielleicht –  müssen wir jetzt aufhören damit, nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Der perfekte Bewerber ist eine Erfindung von Personalverantwortlichen.

Wenn wir davon ausgehen, dass viele dieser Fähigkeiten – wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen – in fast jedem Menschen zu finden sind, dann wäre das Bindeglied zwischen diesen Persönlichkeiten eine Kultur der wertneutralen Zusammenarbeit. Eine Kultur die es schafft, dieses komplexe Spektrum an Fähigkeiten miteinander zu kombinieren, so dass es sinnvoll eingesetzt werden kann – zum Wohle Aller.

Glücklicherweise ist das Zeitalter der Kollaboration ja bereits eingetreten. Zur Nutzbarmachung des noch unsichtbaren Talentpools wird es jedoch eine immens wichtige Rolle spielen.

Das ist vielleicht die wichtigste Hausaufgabe für unsere Eliten: Strukturen zu schaffen, die solche extensive Kollaboration möglich machen. Strukturen, die genau auch diese Fähigkeiten aufweisen, wie sie von den Arbeitskräften gefordert werden:

Emotionale Intelligenz. Raum für kritisches Denken. Eigenverantwortung. Soziales Bewusstsein. Verhandlungsfähigkeit. Stabile Wertebasis. Techniken zur Konfliktlösung. Kenntnis der universellen Prinzipien.